Der Landkreis
CALW
Schon immer hat der Mensch in der Gemeinschaft gelebt, hat dieselbe mitgeformt, wie umgekehrt die Gemeinschaft sein Leben beieinflusste. Aus diesem uralten Wechselspiel sind Sitten, Braeuche und Gesetze entstanden. Auch die Sprache in ihren vielerlei Faerbungen hat hier ihren Urgrund. Es gibt kaum ein Bereich unseres menschlichen Lebens, den die Gemeinschaft nicht mitbestimmt hat. Freilich unterliegt dies alles einem steten Wechsel. Oft besteht aber auch, beispielsweise bei uraltem Brauchtum, die aeussere Form weiter, ohne dass der urspruengliche Sinn uns noch gegenwaertig ist. Nur die eingehende Beschaeftigung und das Suchen nach der Wurzel erschliessen uns denselben.

Noch um die Jahrhundertwende war eine reiche Vielfalt von echten Sitten und Gebraeuchen in allen Bevoelkerungsteilen vorhanden. Heute ist wenig davon uebriggeblieben. Ursachen sind die grundlegenden Wandlungen, die unser Dasein in den letzten hundert Jahren veraendert haben. Zwar sind es mehr die aeusseren Umstaende, sie wirken sich jedoch auch auf das Zusammenleben aus. Den einzelnen Ursachen nachzugehen oder Gewesenes in allen Einzelheiten aufzuzeigen, ist nicht Aufgabe dieses Abschnitts. Vielmehr soll, soweit moeglich, noch Vorhandenes und Neugewordenes dargestellt werden. Bei genauer Beobachtung sind nach wie vor noch mancherlei Braeuche lebendig, mehr in den laendlichen Gebieten und abgeschlossenen Taelern, aber auch in unseren Staedten und Staedtchen.

Dazu gehoert beispielsweise das Herauswuerfeln (Ausbobbern) der Neujahrsbrezel in Calw oder die "Dambedei", ein Weihnachgtsgebaeck in Form einer menschlichen Figur in Bad Herrenalb. Ueberhaupt wird ueber die "Feiertage" so manches Gebaeck besonderer Art hergestellt. Ueberall bekannt sind die bereits erwaehnten Brezeln (nicht zu verwechseln mit Laugenbrezeln), die die Groesse eines Kuchenbleches erreichen koennen. In Enzkloesterle gibt es das wohlschmeckende "Christkindlesbrot", ausgeformt als Hasen, Maennlein und Weiblein, waehrend in Liebelsberg zu Neujahr die "Raberle", die einem Wecken aehnlich sehen, gebacken werden, u.a. mehr.

Einst ging in allen Doerfern der "Pfingstbutz", oft auch "Pfingstluemmel" genannt, um. Dieser Brauch ist heute nur noch in Pfrondorf und Mindersbach lebendig. Dort geht am Pfingstmontag ein mit frischem Laub verkleideter aelterer Junge mit Gefolge durch das Dorf. Unter Ausrufen eines Heische-Verses sammelt die Begleitung kleine Geschenke, meist in Form von Naturalien ein. Der "Butz" ist eine alte Symbolgestalt des Fruehlings oder Sommers. "Butz" bedeutet soviel wie Geist, so dass man ihn, des gruenen Kleides wegen, auch als Fruchtbarkeitsgeist deuten koennte. Der Brauch hat seinen Ursprung bei den Hirten, die, als die Stallfuetterung noch nicht ueblich war, ein wichtiges Amt innehatten.

Ganz ins dunkle gehuellt ist die Figur des "Laube". Ist im Heuet der Tau am Auftrocknen, so dass die Sense das Gras nicht mehr recht schneidet (sie "haut" nicht mehr), so sagt man in Gueltlingen heute noch: "Der Laub kommt!" oder: "Der Laub war da!" Niemand weiss mehr, wer dieser "Laube" ist.

Diese wenigen Beispiele moegen stellvertretend aufzeigen, dass noch mancherlei in der Bevoelkerung lebendig ist.
Dieser und die nachfolgenden Artikel
wurden alle aus dem Buch

Heimat und Arbeit - Der Kreis Calw
vom Konrad Theiss Verlag

entnommen.




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